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Sanft mit den Händen heilen
Mit einfachen Griffen Blockaden lösen: Gerade bei Kindern kann Osteopathie die Schulmedizin sinnvoll ergänzen. Wann sie hilft und wie sie funktioniert
Von Dirk Müller
Mit leichtem Druck tastet Christoph Mauder in seiner Freiburger Osteopathie-Praxis Tims Kopf ab, dann den Nacken, die Wirbelsäule und schließlich das Becken. "Und was machst du jetzt? Und warum?"
Tim liegt auf der Behandlungspritsche und stellt viele Zwischenfragen, die der Osteopath geduldig beantwortet. Dabei betastet er noch einmal Schläfen, Wangen und Schultern.
Tim sei "körperlich schusselig", hatten seine Eltern den Besuch beim Osteopathen begründet. Seine Feinmotorik sei unzureichend ausgeprägt und er stolpere oft. Dies und vieles mehr erfährt Mauder in dem ausführlichen Einführungsgespräch, das jeder Erstbehandlung vorausgeht.
Die etwa 30- bis 45-minütige Behandlung selbst verläuft fast unscheinbar - und liefert doch handfeste Ergebnisse. Erstens: Der erste Halswirbel und die Schädelbasis sind verschoben, was bestimmte Hirnnerven irritiere und Tims Koordinationsprobleme erkläre. Zweite Diagnose: Beckenschiefstand durch Verdrehung des Beckens, verursacht durch eine Verspannung des rechten hinteren Bauchfells.
Eine biomechanische Fehlbelastung des rechten Beins mit Blockierung im Sprunggelenk sei die Folge - Mauders Erklärung für Tims häufiges Stolpern. Aber Moment mal: Geht hier auch alles mit rechten Dingen zu? Und was ist das eigentlich - Osteopathie?
Begründer der Lehre von den "heilenden Händen" ist Andrew Taylor Still (1828-1917). Der Arzt aus dem US-Staat Missouri suchte nach neuen Wegen in der Medizin, nachdem er tatenlos zusehen musste, wie drei seiner Kinder an Rückenmarkshaut-Entzündung starben. Still begann mit der Analyse von Muskeln, Sehnen und deren Mechanik - und erkannte, dass er durch sanften Druck seiner Hände Selbstheilungskräfte im Körper aktivieren kann, die Spannungen lösen und sogar Krankheitssymptome beseitigen.
Der Körper als Ganzes
"Still entwickelte ein mechanisches Bild des Körpers, ähnlich einem Uhrwerk, bei dem alles in Bewegung ist und miteinander zusammenhängt", erklärt der Fachautor Christoph Newiger in seinem Osteopathie-Standardwerk (s. Buchtipps). Den Namen Osteopathie bildete Still aus den griechischen Worten osteon (Knochen) und pathos (Leiden). Seine neue Behandlungsform sprach sich schnell herum: Bald hatte Sill mehr Patienten, als er behandeln konnte. 1892 gründete er die "American School of Osteopathy" und gab seine Lehre an viele Studenten weiter.
Heute praktizieren rund 45000 Osteopathen in den USA. Die manuelle Therapie steht dort jedoch nicht mehr im Vordergrund. Anders in Europa: Vor allem in Großbritannien, Frankreich und Belgien, teilweise auch in Deutschland, entwickelte sich Stills ursprüngliche Lehre weiter - und wird besonders bei Kindern erfolgreich angewandt. Beginnend beim Neugeborenen: "In vielen britischen Geburtskliniken ist die Untersuchung des Säuglings durch einen Osteopathen Standard", sagt der Osteopath Markus Opalka aus Bochum. "Auch in Deutschland sollte jedes Neugeborene einmal vom Osteopathen untersucht werden", empfiehlt sein Kollege Mauder.
Verschiebungen beheben
Denn viele Haltungsschäden, aber auch organische Beeinträchtigungen entstehen aus osteopathischer Sicht durch eine Verschiebung der Schädelknochen unter der Geburt, bei der enorme Kräfte auf den Kopf- und Halsbereich des Babys einwirken. Sind die Schädelknochen verschoben, können an den Verbindungsstellen Blutgefäße und Nerven eingeengt sein - die daraus resultierenden Probleme können sich noch Jahrzehnte später bemerkbar machen; auch als unspezifische Symptome wie Migräne und Tinnitus im Erwachsenenalter.
Bei frühzeitiger Behandlung erkennt der Osteopath den Zusammenhang zwischen Knochenverschiebung und Belastung der Nervenstränge schon bei den ganz Kleinen: je nach Symptom z.B. als Ursache für vermehrtes Schreien oder Spucken, große Schreckhaftigkeit oder Einschlafprobleme. In vielen solcher Fälle kann der Osteopath Knochen und auch Organe sachte verschieben, dadurch die Spannungen lösen und späteren Problemen vorbeugen. "Je kleiner die Kinder, desto formbarer ist noch ihre ganze Struktur", erklärt Christoph Mauder. Babys benötigten daher meist nur zwei bis drei Behandlungen.
Entscheidend ist oft schon die erste - wie bei der mittlerweile vierjährigen Alisa aus Maintal: Mit neun Monaten konnte sie noch nicht krabbeln, sondern sich nur mit einem Arm voranschieben. Eine Osteopathin diagnostiztierte eine Hüftblockade, die sie mit einfachen Griffen an Ort und Stelle behob. "Alisa ist am nächsten Tag losgekrabbelt", berichtet ihre Mutter Annette Hölz.
Und bei älteren Kindern? "Grundsätzlich gilt: Je länger das Problem besteht, desto länger wird die Behandlung dauern", sagt Christoph Mauder. Bei drei- bis zehnjährigen Kindern geht er im Durchschnitt von drei bis fünf Terminen aus.
Kieferorthopädische Probleme
In dieser Altersgruppe sind es häufig kieferorthopädische Probleme, die der Osteopath beheben soll. "Wenn Ärzte sehr intensiv an der Biomechanik der Kiefer arbeiten, hat dies oft strukturelle Veränderungen zur Folge", erklärt Mauder. Dies führe zu veränderten Spannungsverhältnissen von Bändern und Muskeln in der gesamten Kiefer- und Halsregion. Daraus können Kopfschmerzen und Nackenprobleme resultieren, die schulmedizinisch ohne Befund bleiben. "Eine osteopathische Begleitbehandlung ist hier die optimale Ergänzung - Hand in Hand mit dem Kieferorthopäden und dem Zahnarzt", betont der Freiburger Osteopath.
Übrigens: Bei Tim waren bereits nach der zweiten Behandlung die Beckenschiefstellung dauerhaft korrigiert und die Nacken-Asymmetrie behoben. Nach insgesamt vier Sitzungen (über eine Zeitraum von acht Monaten) schloss Mauder die Behandlung ab: "Die Feinmotorik hat sich wesentlich gebessert, das Stolpern ist auf ein Normalmaß reduziert", berichtet der Osteopath.
Doch auch bei Kleinkindern genügt manchmal eine einzige Behandlung - so wie bei der vierjährigen Charlotte. Sie klagte mehrmals am Tag über Bauchschmerzen. Alle Untersuchungen beim Kinderarzt und in der Kinderklinik waren ergebnislos geblieben. Ein Osteopath stellte fest, dass der Magengrund mit einem Stück Dünndarm verklebt war - möglicherweise verursacht durch eine länger zurückliegende Antibiotikagabe. Behandelt wurde hier im sogenannten viszeralen Bereich, der die inneren Organe betrifft. Dabei wird die Beweglichkeit der Organe und der Faszien (Muskel- und Bindegewebe) ertastet und durch einfache Handgriffe verbessert. Bei Charlotte mit großem Erfolg: Nach einmaliger Behandlung blieb sie beschwerdefrei.
Umfangreiche Ausbildung
"Osteopathie ist einfach eine gute Ergänzung zur Schulmedizin", sagt Markus Opalka. Gegenseitiger Austausch inbegriffen: Manchmal verweist er auch auf andere Fakultäten - umgekehrt holen auch Kinderärzte seinen Rat als Osteopath ein.
Die Schulmedizin in Deutschland erkennt die Osteopathie ganz offiziell als Therapieform an: Für die Deutsche Gesellschaft für Osteopathische Medizin, die Ärzte berufsbegleitend weiterbildet, kommt Osteopathie vor allem bei chronischen Wirbelsäulen- und Gelenkschmerzen infrage. Besonders Säuglinge und Kinder mit hartnäckigen Symptomen seien mit den "weichen" osteopathischen Methoden in der Regel erfolgreich behandelbar.
Doch auch Erwachsenen stellt die Osteopathie Hilfe in Aussicht - und dies in allen drei osteopathischen Kernbereichen, nämlich dem parietalen (Bewegungsapparat), cranio-sakralen (Schädelknochen) und viszeralen Bereich (innere Organe).
Typische parietale Symptome sind Verspannungen, Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfall und Hexenschuss; im cranio-sakralen Umfeld kann z.B. die Ursache für Migräne und Tinnitus liegen; zum viszeralen Bereich zählen z.B. Probleme mit Magen, Darm, Leber oder Galle.
Doch Vorsicht: Beim Begriff "Osteopathie" sollten Patienten genau hinsehen. Den geschützten Titel Diplomierter Osteopath (D.O.) darf nur tragen, wer wie z.B. der Physiotherapeut und Heilpraktiker Christoph Mauder berufsbegleitend eine fünfjährige Ausbildung an der Internationalen Akademie für Osteopathie in Gent (Belgien) absolviert hat. Das "D.O." ist daher ein wichtiges Qualitätsmerkmal, denn für den einfachen Begriff "Osteopath" gibt es in Deutschland keine gesetzliche Vorgabe (siehe Kasten).
Ein finanzielles Manko: Hierzulande erstatten die gesetzlichen Kassen die je Behandlung fälligen 60 bis 120 Euro in der Regel nicht. Private Krankenkassen übernehmen meist die Kosten.
Kasten 1: Möglichkeiten und Grenzen
Die Osteopathie versteht sich als ganzheitliche Medizin, weil sie den Körper als Einheit betrachtet. Daher ist sie vielfältig einsetzbar. Vor allem Kinder können erfolgreich behandelt werden. Das gilt jedoch nicht für alle Krankheitsbilder.
Gut anwendbar bei Symptomen, die den Körperbau und den Bewegungsapparat betreffen: z.B. Schiefhals, Rundrücken (Kyphose), seitliche Verbiegung der Wirbelsäule (Skoliose), verzögerte Ausreifung der Hüftgelenke (Hüftdysplasie), Fehlstellungen der Beine und/oder Füße, Schädeldeformitäten, Fontanellenverschluss. Gut anwendbar auch bei Dreimonatskoliken sowie Problemen des Verdauungstrakts wie Magenentzündung, Verstopfung, Blähungen und Analfissuren (-risse).
Begleitend anwendbar bei Entzündungen im Kopfbereich (Augen, Mittelohr, Nasennebenhöhlen, Mandeln), kieferorthopädischer Behandlung, Erkrankungen der Atemwege (auch Asthma), Verdauungsproblemen (Magen-Darm-Katarrh, Erbrechen, Verstopfung, Durchfall, Magenschleimhaut- und Blinddarmentzündung), Unterleibserkrankungen (Harnwegsinfektion, Nierenentzündung), das Immunsystem betreffende Beeinträchtigungen (Neurodermitis, Heuschnupfen, Nahrungsmittelunverträglichkeit) sowie bei Hyperaktivität, Herzfehler, Epilepsie, Diabetes.
Nicht anwendbar bei Notfällen, offenen Wunden, Knochenbrüchen, Verbrennungen, Vergiftungen, Infektionen. Zudem bei Erwachsenen nicht anwendbar bei psychischen Erkrankungen; nur in der Nachsorge anwendbar bei Herzinfarkt, Schlaganfall, Thrombosen, Tumoren, Traumata, Gallen- und Nierensteinen.
Kasten 2: Daran erkennen Sie einen guten Osteopathen
Osteopathie gilt als Heilkunde und ist Ärzten und Heilpraktikern mit entsprechender Ausbildung vorbehalten - doch es gibt große Unterschiede.
Der Osteopath Ihres Vertrauens...
- sollte auf eine fünfjährige Ausbildung an einer Schule verweisen können, die der Akademie für Osteopathie (AFO) angeschlossen ist, und selbst Arzt, Heilpraktiker oder Physiotherapeut sein. Damit ist eine fundierte Qualifikation mit genauen Kenntnissen in Anatomie, Physiologie und Biochemie gewährleistet. Im Idealfall hat er zusätzlich eine zweijährige kinderosteopathische Ausbildung durchlaufen. Die Bezeichnungen Osteopath D.O. (Diplomierter Osteopath) und M.R.O. (Mitglied im Register der Osteopathen) gelten als Qualitätsmerkmale des Verbandes der Osteopathen Deutschland (VOD) und sind eingetragene Schutzmarken. Auch die Deutsche Gesellschaft für Osteopathische Medizin (DGOM, www.dgom.de) bietet Ärzten und Physiotherapeuten berufsbegleitende Weiterbildungen an.
- gibt Auskunft, ob er sich zusätzlich auf die Behandlung von Kleinkindern bzw. Schulkindern spezialisiert hat.
- behandelt selbst und delegiert nicht an andere Mitarbeiter.
- nimmt sich Zeit, hört zu, stellt Nachfragen zum Gesamtbild und -befinden, macht einen genauen Befund, spricht die Therapie individuell ab und nennt vorab die Anzahl der Sitzungen, die voraussichtlich erforderlich sind.
- besteht nicht auf Vorkasse, stellt keine überhöhten Forderungen.
- verspricht keine "Wunderheilung" und manipuliert nicht.
- überweist den Patienten, wenn die Osteopathie nicht helfen kann.
- sieht Osteopathie ergänzend, nicht als Ersatz der Schulmedizin.
- bringt weder religiöse noch esoterische Aspekte ein.
Eine Liste empfehlenswerter Osteopathinnen und Osteopathen finden Sie auf der Web-Seite des VOD unter www.osteopathie.de
Buchtipps
- Christoph Newiger, Birgit Beinborn, Osteopathie: So hilft sie Ihrem Kind. Trias, 160 Seiten, 17,95 Euro.
Die Basislektüre rund um die osteopathische Behandlung von Babys, Kleinkindern und Kindern bis ca. zehn Jahren
- Christoph Newiger, Osteopathie: Sanftes Heilen mit den Händen. Trias, 192 Seiten, 14,95 Euro.
Grundlagen der Osteopathie: Wie gezielte Berührungen die Selbstheilungskräfte freisetzen
- Torsten Liem, Christine Tsolodimos, Osteopathie: Die sanfte Lösung von Blockaden. Irisiana/Hugendubel, 14,95 Euro.
Anschaulich geschriebene Übersicht mit vielen Fallbeispielen
Familie&Co 9/2007
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