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Sanft mit den Händen heilen
Mit einfachen Griffen die Selbstheilung in Gang bringen: Gerade bei Babys gilt Osteopathie als wirksame Therapieform. Wann sie hilft, wie sie funktioniert.
Von Dirk Müller
Mit leichtem Druck tastet Christoph Mauder in seiner Freiburger Osteopathie-Praxis die Hüfte der sieben Monate alten Lilli ab, dann den Rippenbogen, schließlich den Bauchbereich. Die Kleine liegt zufrieden da und hat ihre Mutter im Blick. Der Osteopath dreht Lillis Köpfchen sachte mit beiden Händen, betastet dann Schläfen und Wangen, Schultern und Nacken.
Vor Lillis Behandlung führte Mauder mit ihrer Mutter Anja Bieber ein ausführliches Einführungsgespräch. Die etwa 15-minütige Behandlung selbst verläuft dann sanft und fast unscheinbar und doch habe er damit bereits zwei wesentliche Defekte beseitigt, sagt Mauder: “Die Schädelbasis und die rechte Niere waren in ihrer Bewegung deutlich eingeschränkt.³ Kein Wunder, meint der Osteopath, dass sich Lilli in den ersten vier Monaten oft überstreckt hatte, wie ihre Mutter berichtete.
Aber was ist das eigentlich Osteopathie? Begründer der Lehre von den “heilenden Händen³ ist Andrew Taylor Still (1828 1917). Der Arzt aus dem US-Staat Missouri suchte nach neuen Wegen in der Medizin, nachdem er tatenlos zusehen musste, wie drei seiner Kinder an Rückenmarkshaut-Entzündung starben. Still begann mit der Analyse von Muskeln, Sehnen und deren Mechanik und erkannte, dass er durch sanften Druck seiner Hände Selbstheilungskräfte im Körper aktivieren kann, die Spannungen lösen und sogar Krankheitssymptome beseitigen.
Der Körper als Ganzes
“Still entwickelte ein mechanische Bild des Körpers, ähnlich einem Uhrwerk, bei dem alles in Bewegung ist und miteinander zusammenhängt³, so Christoph Newiger (s. Buchtipps). Den Namen Osteopathie bildete Still aus den griechischen Worten osteon (Knochen) und pathos (Leiden). Bald hatte er mehr Patienten, als er behandeln konnte. 1892 gründete er die “American School of Osteopathy³ und gab seine Lehre an viele Studenten weiter.
Heute praktizieren rund 45 000 Osteopathen in den USA. Die manuelle Therapie steht dort jedoch nicht mehr im Vordergrund. Dagegen entwickelte sich vor allem in Großbritannien und Frankreich Stills ursprüngliche Lehre weiter und wird besonders bei Babys und Kleinkindern erfolgreich angewandt. “In vielen britischen Geburtskliniken ist die Untersuchung des Säuglings durch einen Osteopathen Standard³, sagt der Osteopath Markus Opalka aus Bochum. “Auch in Deutschland sollte jedes Neugeborene einmal vom Osteopathen untersucht werden³, empfiehlt sein Kollege Mauder.
Verschiebungen beheben
Gerade bei den Kleinsten gilt das besondere Augenmerk den Schädelknochen: Sind sie verschoben, können an den Verbindungsstellen Blutgefäße und Nerven eingeengt werden.
Wie aber kann es zu diesen Verschiebungen kommen? Sie entstehen vor allem während der Geburt, denn dabei wirken enorme Kräfte besonders auf den Kopf- und Halsbereich des Babys ein. Auch bei Kaiserschnitt-Kindern. Aus osteopathischer Sicht kann aber auch die Lage des Kindes in der Gebärmutter seinen Kopf und den Nacken bereits beeinträchtigen. Und auch nach der Geburt kann sich etwa der Schädel noch verformen etwa bei einseitiger Rückenlage.
Je nach Symptom erkennt der Osteopath den Zusammenhang zwischen Knochenverschiebung und Belastung der Nervenstränge: bei Schreikindern etwa kann der Eingeweide-Nerv beeinträchtigt sein, der die Verdauung lenkt. Koliken und starke Blähungen können die Folge sein.
Bei Kindern, die viel spucken und sabbern, ist of der Zungen-Schlund-Nerv eingeengt, der die Schluck- und Saugmuskeln steuert. Kinder mit verminderter Kopfkontrolle und auffälliger Schreckhaftigkeit plagt häufig eine Verschiebung im Bereich des Schläfenbeins, was den Gleichgewichtssinn stören kann. Und bei Kindern, die schlecht ein- oder durchschlafen, sind oft das Hinterhauptbein und der erste Halswirbel verschoben, die dadurch auf die Leitungsbahnen des Zentralnervensystems drücken.
Ein erfahrener Osteopath kann in vielen solcher Fälle Knochen und auch Organe sachte verschieben, dadurch die Spannungen lösen und späteren Problemen vorbeugen. “Je kleiner die Kinder, desto formbarer in noch ihre ganze Struktur³, erklärt Christoph Mauder. Babys benötigten daher meist nur zwei bis drei Behandlungen: Oft sei sogar nach einer einzigen der entscheidende Schritt getan wie bei Lilli. Auch der kleinen Alisa aus Maintal konnte osteopathisch geholfen werden. Mit neuen Monaten konnte sie noch nicht krabbeln, sondern sich nur mit einem Arm voranschieben. Eine Osteopathin diagnostizierte eine Hüftblockade, die sie an Ort und Stelle behob. “Alisa ist am nächsten Tag losgekrabbelt³, schildert ihre Mutter Annette Hölz.
Umfangreiche Ausbildung
Dass bei dieser Behandlung unseriöse “Zauberei³ im Spiel sein könnte, weist jeder Osteopath weit von sich. “Osteopathie ist einfach eine gute Ergänzung zur Schulmedizin³, sagt Markus Opalka. Und in manchen Fällen verweist er auch an andere Fakultäten. Genauso wie Kinderärzte den Rat von Osteopathen einholen.
Der Osteopath, Physiotherapeut und Heilpraktiker Christoph Mauder darf den geschützten Titel Diplomierter Osteopath (D.O.) tragen, denn er hat berufsbegleitend eine fünfjährige Ausbildung an der Internationalen Akademie für Osteopathie in Gent (Belgien) absolviert. Das ist ganz wichtig den für den einfachen Begriff “Osteopath³ gibt es in Deutschland noch keine gesetzliche Regelung (...). Tatsächlich erkennt auch die Schulmedizin in Deutschland Osteopathie als Therapieform an. Für die Deutsche Gesellschaft für Osteopathische Medizi, die Ärzte berufsbegleitend weiterbildet, kommt Osteopathie vor allem bei chronischen Wirbelsäulen- und Gelenkschmerzen in Frage. Besonders Säuglinge und Kinder mit hartnäckigen Symptomen seien mit den “weichen³ osteopathischen Methoden in der Regel erfolgreich behandelbar.
Unterteilt wird die Osteopathie in den parietalen (Bewegungsapparat), cranio-sakralen (Schädelknochen) und viszeralen Bereich, der die inneren Organe betrifft. Dabei wird die Beweglichkeit der Faszien (Muskel- und Bindegewebe) ertastet und behandelt. Immer mit dem Ziel, die Funktion der Organe zu verbessern.
Auch Erwachsenen dient die Osteopathie. Sowohl bei parietalen Symptomen wie Verspannungen, Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfall und Hexenschuss; als auch im viszeralen Bereich z.B. bei Magen-, Darm-, Leber- und Gallenproblemen; sowie im cranio-sakralen Umfeld in dem sich oft die Ursache für Tinnitus, Migräne und Stress-Symptome verbirgt.
Aber: Hierzulande erstatten die gesetzlichen Kassen die je Behandlung fälligen 60 bis 120 Euro in der Regel nicht. Private Krankenkassen übernehmen meist die Kosten. (...)
Baby & Co 11/2006
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